Moderne Wurzelkanalbehandlung mit dem VDW RECIPROC®-System
Eine Entzündung im Inneren eines Zahnes kann starke Schmerzen verursachen und unbehandelt zu einer Entzündung des Knochens an der Wurzelspitze führen. Eine sorgfältig durchgeführte Wurzelkanalbehandlung bietet häufig die Möglichkeit, den eigenen Zahn langfristig zu erhalten.
In unserer Zahnarztpraxis am Roten Platz in St. Gallen setzen wir bei der maschinellen Aufbereitung der Wurzelkanäle auf das bewährte VDW RECIPROC®-System. Es verbindet eine besondere Feilenbewegung mit flexiblen Nickel-Titan-Instrumenten und einer elektronischen Bestimmung der Wurzelkanallänge.
Was geschieht bei einer Wurzelkanalbehandlung?
Eine Wurzelkanalbehandlung ist heute in der Regel eine ruhige und gut kontrollierbare Behandlung. Der Zahn wird zunächst mit einer sorgfältig abgestimmten örtlichen Betäubung angenehm unempfindlich gemacht. Anschliessend öffnen wir ihn behutsam und reinigen die feinen Wurzelkanäle Schritt für Schritt.
Entzündetes Gewebe und Bakterien werden mit sehr feinen Instrumenten sowie desinfizierenden Spüllösungen vorsichtig entfernt. Danach werden die Kanäle schonend geformt, gründlich gereinigt und möglichst dicht verschlossen. Während der gesamten Behandlung arbeiten wir langsam, präzise und mit besonderer Rücksicht auf Ihr Wohlbefinden.
Unser Ziel ist es, Beschwerden zu lindern, die Entzündung auszuheilen und Ihren natürlichen Zahn möglichst langfristig zu erhalten. ❤️
Mechanische Reinigung und chemische Desinfektion
Wurzelkanäle sind selten gerade oder vollkommen rund. Sie können sehr fein, gekrümmt, verzweigt oder teilweise verkalkt sein. Die mechanische Feile kann deshalb nicht jeden Winkel des Kanalsystems unmittelbar berühren.
Die Aufbereitung schafft einen kontrollierten, leicht konischen Raum. Dadurch können desinfizierende Spüllösungen weiter in das Kanalsystem gelangen und Gewebereste, Bakterien sowie Ablagerungen entfernen. Die maschinelle Aufbereitung und die chemische Desinfektion ergänzen sich: Das Instrument formt den Kanal, während die Spüllösung auch Bereiche erreicht, die von der Feile nicht direkt bearbeitet werden.
Was ist das RECIPROC®-System?
Das RECIPROC®-System wurde 2011 eingeführt. Die thermisch weiterentwickelte Variante RECIPROC® Blue folgte 2016. Die Instrumente bestehen aus einer speziellen Nickel-Titan-Legierung und wurden eigens für die reziproke Bewegung entwickelt.
„Reziprok“ bedeutet, dass sich die Feile nicht dauerhaft in nur eine Richtung dreht. Sie bewegt sich in genau abgestimmten Winkeln abwechselnd vor und zurück:
- Eine grössere Bewegung erfolgt in der schneidenden Richtung.
- Eine kleinere Gegenbewegung löst das Instrument wieder aus dem Dentin.
- Mehrere dieser Bewegungsfolgen ergeben zusammen eine vollständige Drehung von 360 Grad.
Da die Schneidbewegung grösser als die entlastende Rückbewegung ist, kann sich das Instrument schrittweise in Richtung der Wurzelspitze vorarbeiten.
Die Physik hinter der besonderen Bewegung
In einem gekrümmten Wurzelkanal wird eine Feile während der Bewegung ständig mechanisch belastet. An der Aussenseite der Krümmung wird das Metall gedehnt, während es an der Innenseite gleichzeitig zusammengedrückt wird. Bei fortlaufender Rotation wiederholt sich dieser Wechsel aus Zug und Druck sehr häufig. Man spricht von zyklischer Ermüdung.
Zusätzlich kann eine Feile im Kanal an einer Stelle festgehalten werden, während der Motor sie weiterdrehen möchte. Dadurch entsteht eine Torsionsbelastung – vergleichbar mit einem dünnen Draht, der an einem Ende festgehalten und am anderen Ende verdreht wird.
Die reziproke Bewegung unterbricht die kontinuierliche Belastung regelmässig. Die Gegenbewegung entlastet das Instrument und hilft, es aus einer möglichen Verklemmung zu lösen. Die exakt abgestimmten Bewegungswinkel, die kontrollierte Beschleunigung und die besondere Legierung sollen die Widerstandsfähigkeit gegenüber zyklischer Ermüdung erhöhen und das Risiko eines Instrumentenbruches reduzieren. Vollständig ausschliessen lässt sich dieses Risiko bei keinem endodontischen Instrument.
Flexibles Nickel-Titan für gekrümmte Kanäle
Nickel-Titan – kurz NiTi – ist deutlich flexibler als herkömmlicher Edelstahl. Bei RECIPROC® Blue verändert eine spezielle Wärmebehandlung die Materialstruktur. Dadurch erhält die Feile ihre charakteristische bläuliche Oberfläche sowie eine erhöhte Flexibilität und Widerstandsfähigkeit gegenüber zyklischer Ermüdung.
Diese Flexibilität ist besonders bei gekrümmten Wurzelkanälen wichtig. Das Instrument soll möglichst dem natürlichen Kanalverlauf folgen, statt den Kanal unnötig zu begradigen oder seitlich zu verlagern.
Die Feilen verfügen ausserdem über:
- einen S-förmigen Querschnitt für eine wirksame Schneidleistung,
- eine variable Konizität,
- eine nicht aktiv schneidende Spitze,
- Tiefenmarkierungen zur Längenkontrolle,
- einen kurzen Schaft für einen besseren Zugang zu den Seitenzähnen.
Je nach Weite des Kanals stehen unterschiedliche Instrumentengrössen zur Verfügung: R25 für eher enge, R40 für mittlere und R50 für weitere Kanäle.
Was bedeutet „Ein-Feilen-System“?
RECIPROC® wird häufig als Ein-Feilen-System bezeichnet. Dies bedeutet nicht, dass während der gesamten Wurzelkanalbehandlung nur ein einziges Instrument verwendet wird. Handinstrumente, Spülkanülen und weitere Hilfsmittel bleiben wichtige Bestandteile der Behandlung.
Gemeint ist vielmehr, dass die eigentliche maschinelle Formgebung eines Wurzelkanals in vielen Fällen mit nur einer passenden RECIPROC®-Feile erfolgen kann. Bei besonders engen, verkalkten oder stark gekrümmten Kanälen kann jedoch ein zusätzlicher sogenannter Gleitpfad oder eine andere Aufbereitungsstrategie erforderlich sein. Die Entscheidung richtet sich immer nach der individuellen Zahnanatomie.
Während der Aufbereitung wird die Feile mit kleinen, kontrollierten Vor- und Rückwärtsbewegungen geführt. Nach wenigen kurzen Bewegungen wird sie herausgenommen und gereinigt. Gleichzeitig wird der Kanal erneut gespült und seine Durchgängigkeit kontrolliert. Starker Druck ist weder notwendig noch erwünscht.
Elektronische Längenmessung: Wie lang ist der Wurzelkanal?
Eine entscheidende Frage bei jeder Wurzelkanalbehandlung lautet: Wie weit darf das Instrument in den Kanal eingeführt werden?
Die Aufbereitung soll bis in den Bereich kurz vor dem natürlichen Ausgang des Wurzelkanals reichen. Wird zu kurz gearbeitet, können infiziertes Gewebe und Bakterien zurückbleiben. Wird zu weit gearbeitet, können Instrumente, Spüllösungen oder Füllmaterial über die Wurzel hinausgelangen.
Fachliche Empfehlungen sehen die angestrebte Arbeitslänge gewöhnlich ungefähr 0,5 bis 1 Millimeter vor dem anatomischen Ende der Wurzel. Zur Bestimmung werden elektronische Längenmessung und Röntgenkontrolle miteinander kombiniert.
Ein kleiner elektrischer Messkreis
Bei der elektronischen Längenbestimmung wird ein sehr schwaches, für den Patienten normalerweise nicht wahrnehmbares Messsignal verwendet. Ein Kontakt befindet sich an der Feile im Wurzelkanal, der zweite Kontakt wird über eine kleine Klemme an der Mundschleimhaut hergestellt.
Dadurch entsteht ein elektrischer Messkreis. Das Gerät analysiert die elektrischen Eigenschaften des Gewebes und des feuchten Wurzelkanals. Moderne Apex-Lokalisatoren arbeiten mit mehreren Frequenzen und können dadurch auch unter unterschiedlichen Bedingungen im Kanal zuverlässige Messinformationen liefern.
Physikalisch betrachtet wird die Impedanz ausgewertet. Sie ist bei Wechselstrom das Gegenstück zum elektrischen Widerstand und beschreibt das Verhältnis zwischen angelegter Spannung und fliessendem Strom. Während sich die Feile durch den Kanal bewegt, verändern sich die elektrischen Messwerte. In der Nähe des Wurzelausganges entsteht ein charakteristisches Signal, das vom Gerät erkannt und auf dem Bildschirm dargestellt wird.
Die Anzeige ist dabei kein einfaches Lineal, das jederzeit einen exakten Millimeterwert abbildet. Sie zeigt vielmehr an, wie sich die Feilenspitze dem Bereich der apikalen Konstriktion und dem Wurzelausgang nähert.
Messen während der Aufbereitung
Beim VDW.GOLD® RECIPROC® kann die elektronische Längenbestimmung separat mit einer Handfeile oder gleichzeitig während der maschinellen Aufbereitung erfolgen. Motor und Apex-Lokalisator arbeiten dann parallel. Akustische und optische Signale unterstützen den Behandler bei der Kontrolle der erreichten Tiefe.
Die elektronische Messung ergänzt das Röntgenbild, ersetzt es jedoch nicht vollständig. Das Röntgenbild zeigt unter anderem die Form der Wurzeln, mögliche Krümmungen, Entzündungen und angrenzende anatomische Strukturen. Die elektronische Messung liefert zusätzliche Informationen über die tatsächliche Position des Instrumentes im Kanal. Gemeinsam ermöglichen beide Verfahren eine besonders kontrollierte Festlegung der Arbeitslänge.
Präzision bedeutet mehr als moderne Technik
Das RECIPROC®-System unterstützt eine strukturierte, präzise und effiziente Aufbereitung. Entscheidend für eine erfolgreiche Wurzelkanalbehandlung bleibt jedoch das Zusammenspiel aller Behandlungsschritte:
eine sorgfältige Diagnostik, eine gute Betäubung, die sichere Isolation des Zahnes, das Auffinden sämtlicher Kanäle, die elektronische und radiologische Längenbestimmung, die mechanische Aufbereitung, eine intensive Desinfektion, die dichte Wurzelfüllung und die anschliessende stabile Versorgung des Zahnes.
In unserer Zahnarztpraxis am Roten Platz verbinden wir das moderne VDW RECIPROC®-System mit sorgfältiger klinischer Arbeit. Unser Ziel ist es, erkrankte Zähne möglichst schonend zu behandeln, Beschwerden zu beseitigen und den natürlichen Zahn so lange wie möglich zu erhalten. ❤️
